«Metalle zwanzig Mal recyceln»

Kunal Sinha ist bei Glencore für die Kreislaufwirtschaft zuständig. Wichtiges Thema: Die hohe Nachfrage nach Metallen.
veröffentlicht: 27/05/2022

Interview: Matthias Niklowitz (Handelszeitung)

Wo stehen wir gegenwärtig beim Recycling von Metallen?

Kunal Sinha: Das kommt auf die einzelnen Metalle an. Wir sind beim Kupfer und auch beim Blei schon ziemlich weit und sehen wachsende Wiederverwertungsschleifen. Das gilt vor allem für die Regionen Europa und Nordamerika. Die Kreislaufwirtschaft und ihre Vorteile werden immer besser verstanden. Wir sehen, dass die Nachfrage nach den meisten zukunftsgerichteten Metallen grösser ist als deren primäre Verfügbarkeit. Kupfer, welches unter anderem in Elektronikgeräten und Elektrofahrzeugen zum Einsatz kommt, ist hierfür ein gutes Beispiel.

Ein Problem bei Recycling sind Verbundstoffe und Legierungen, die sich nur sehr aufwendig wieder in ihre einzelnen Komponenten zerlegen lassen. Was kann hier ein Rohstoffkonzern bewirken, beispielsweise über ein Recycling-förderndes Design?

Wir sind hier praktisch am Anfang und am Ende der Kette, wenn man das linear betrachtet. In der bisher vorherrschenden linearen Wirtschaftskette dominieren die Vorlieben der Konsumierenden das Produkt-Design. Form und Funktion sind wichtig. Jetzt verändert sich das und das hat gleich mehrere interessante Folgen: Denn in einer linearen Produktions- und Wertschöpfungskette spricht jeder Beteiligte nur jeweils mit der angrenzenden Etappe dieser Kette. Das ergibt keinen guten Fluss von Informationen, die so weitergegeben werden. Hier gelangt man auch bezüglich des Recyclings an die Grenzen, weil die Nachhaltigkeitsziele aus dieser Perspektive immer im Verantwortungsbereich eines anderen liegen.

Wie ist das in der Kreislaufwirtschaft?

Im Unterschied zur linearen Kette spricht hier jede Partei mit jeder anderen. Das ist eine ganz andere Form der Kommunikation – und aus dieser heraus ergibt sich auch eine andere Form der Koordination. Bei den Unternehmen, die beispielsweise Elektronikgeräte herstellen, hat man das inzwischen erkannt.

Wenn man jetzt einen Kosten-Nutzen-Vergleich beim Recycling von Metallen vornimmt und das mit der Minenproduktion vergleicht – wo stehen wir da?

Beim Mining lassen sich die Kosten einfach ermitteln. Beim Recycling dagegen kommt es immer sehr darauf an, wo und wie man das macht. Es gibt einige Unternehmen im Recyclingbereich, die auf sehr hohe Stückkosten kommen. Bei uns wird dagegen das Recycling mit der Produktion verbunden – und dann sieht es anders aus, weil wir dadurch auch Skaleneffekte viel besser nutzen können. Zudem lassen sich bei der Wiederverwertung von Metallen auch weitere Vorteile
wie das Herausfiltern der kleinen Edelmetall-Anteile nutzen.

Wie sieht es beispielsweise bei den Batterien aus, die man überall bei Fahrzeugen benötigt?

Hier steht man bei den Stückkosten im Recycling gut da, weil sich hier schon Kreisläufe etabliert haben. Bei separaten Recyclingbereichen sind die Sammelkosten der grösste Kostenfaktor. Nehmen wir als Beispiel die Sammlungen von Metallen in Privathaushalten. Anders sieht es aus, wenn beispielsweise die bleihaltigen Autobatterien in den Garagen ausgewechselt und direkt in Wiederverwertungskreisläufe eingespeist werden. Hier liegt die Wiederverwertungsrate in Europa bei über 40 Prozent. In Nordamerika ist diese Rate viel niedriger.

Wie sieht es mit Greenwashing aus?

Greenwashing ist eindeutig ein Problem. Einige Aufsichtsbehörden gehen immer strenger gegen die Art vor, wie Fonds über die ESG-Kriterien ihrer Portfoliounternehmen berichten und diese vermarkten. Die Herausforderung besteht darin, dass ESG-Kennzahlen nicht standardisiert sind und auch deren Messung und Berichterstattung nicht einheitlich ist. Glencore war das erste Bergbauunternehmen der Welt, das sich die Ambition gesetzt hat, bis 2050 Netto-Null zu erreichen (einschliesslich Scope-1-, -2- und -3-Emissionen). Per Definition bedeutet netto null, die eigenen Basisemissionen zu messen und dann einen Plan zu definieren, um bis zum Stichtag eine CO2-neutrale Position zu erreichen. Wir haben einen detaillierten Plan aufgestellt, wie und wann wir Netto-Null erreichen werden – und wir haben den Plan gegenüber der ursprünglichen Ankündigung sogar beschleunigt.

Wo finden hier die Innovationen statt?

Innovationen auf dem Weg zu Netto-Null sind von entscheidender Bedeutung. Wir sehen Innovationen bei Geschäftsmodellen und Technologien, die zu einer wirtschaftlicheren Nutzung von Metallen führen. Und es gibt viele Innovationen im Bereich der Wiederverwendung und des Recyclings aller Arten von Produkten – sei es in Form von Recyclingtechnologien oder neuen Kreislaufwirtschaftsmodellen. Speziell im Bereich Bergbau und Metalle gibt es Innovationen, wie Minenfahrzeuge, die mit Strom oder Wasserstoff betrieben werden, oder die Nutzung von Wasser-, Wind- und Sonnenenergie. Unsere Kupfer- und Kobalt-Betriebe in der Demokratischen Republik Kongo decken ihren Strombedarf durch Wasserkraft und in Kanada wird ein Teil des Energiebedarfs durch Windenergie gedeckt.

Wie sieht die Recycling-Welt 2030 aus?

Im Bereich der Elektronikindustrie wird man vielerorts das Recycling bereits beim Produkt-Design einbeziehen. Die Geräte werden einfacher zu reparieren sein und die einzelnen Geräte werden auch besser miteinander kombinierbar sein. Die grossen Elektronikunternehmen, die wir beliefern, haben für einzelne Metalle Vorgaben von 50 bis 100 Prozent rezyklierte Anteile formuliert. Und bei elektrisch betriebenen Fahrzeugen gibt es eine ähnliche Entwicklung. Auch hier wird die Wiederverwertung ein wichtiges Element bei der Entwicklung und beim Bau solcher Fahrzeuge werden. Längerfristig wird sich zeigen, dass man Metalle zehn-, ja sogar zwanzigfach wiederverwerten kann. Bis es allerdings so weit ist, könnte es noch etwas länger dauern.

Dieses Interview erschien erstmals am 25.05.2022 in der Handelszeitung.

In Kreisen denken.
Besuchen Sie unsere Recycling-Seite, um mehr über unsere Recycling-Aktivitäten zu erfahren.
Erfahren Sie mehr